FAZ, CHRISTIAN SIEDENBIEDEL, 30.11.2004

Das kleine norddeutsche Städtchen Vechta hat es nur einmal in seiner Geschichte in die "New York Times" geschafft. Das war vor vier Jahren, als der Stadtdirektor seinen Beamten einen täglichen Mittagsschlaf von 20 Minuten im Büro verordnete und es von allen Seiten Spott hagelte, die verschlafenen Beamten dürften jetzt ganz offiziell die Augen zumachen. Nun will offenbar Frankfurt an diese Tradition anknüpfen. Allerdings in einer durch und durch innovativen Variante.

Das Großkino Metropolis am Eschenheimer Tor, vormals als Volksbildungsheim bekannt, öffnet von Mittwoch an jeden Werktag zwischen 12 und 14 Uhr zwei seiner Kinosäle, damit man dort für drei Euro ein sogenanntes Energie-Nickerchen (neudeutsch "Power Napping") im Kinosessel einlegen kann. Vor dem Schlaf kann man den Magen füllen, dafür sorgt ein Menü-Angebot mit hochwertigem Biolebensmitteln. Während des Nickerchens ertönen leise Musik und Wellenrauschen vom Band. Wenn 20 Schlafminuten vorbei sind, weckt eine sanfte Stimme aus dem Lautsprecher alle wieder auf, damit niemand versehentlich den ganzen Tag in Morpheus Armen zubringt.
Die Frankfurter Stadträtin Jutta Ebeling (Die Grünen) gehörte zu den ersten Testpersonen. So ganz entspannt sei sie allerdings angesichts des allgemeinen Rummels nicht gewesen, sagte sie nachher. Der Lübecker Neurologe Fritz König, der zusammen mit seinem Kollegen Ulrich Feldtmann das Projekt medizinisch betreut, berichtete, viele Deutsche beneideten die Menschen in den Mittelmeerländern als "Spezialisten des Mittagsschlafs" um deren Tradition der Siesta.

Lernen von Japanern und Chinesen
Auch in Japan sei der Kurzschlaf, etwa in der U-Bahn, verbreitet. In China gebe es sogar eine Art Grundrecht, das in Artikel 49 der Verfassung festgeschrieben sei. Es besage, "wer arbeitet, hat ein Recht auf Xeu-Xi", was so etwas ähnliches meine wie "Power Napping". König sagte, niemand könne den ganzen Tag lang ununterbrochen die volle Leistung bringen. Wenn man aber mittags 20 Minuten Tiefenentspannung einlege, reiche danach die Konzentration etwa bis 20 Uhr, wie Untersuchungen der Stanford University gezeigt hätten. Adenauer sei Mittagsschlaf-Fan gewesen, ebenso wie Einstein, Churchill, Napoleon, sogar Edison, der Erfinder der Glühbirne - letzterer allerdings nur heimlich. Der Mittagsschlaf sei die "natürliche Droge" gegen das sogenannte Schlafgift, das nach der Mittagsmahlzeit bis nach 16 Uhr gelegentlich zu plötzlicher Tagesmüdigkeit in Sitzungen, beim Autofahren oder vor dem Computer führe.
Für die Kinokette Cinestar ist das ganze auch eine neue Geschäftsidee. Mittags sind die Kinos so gut wie leer, und wenn man zumindest 100 Leute je Tag zum Schlafen in die Säle locken könne, lohne sich das ganze wirtschaftlich, hieß es. Entstanden sei die Idee in Lübeck, wo Marlis Kieft, Mitglied der Geschäftsführung der Kinokette, bei dem Neurologen König Tiefenentspannungskurse mitgemacht habe. König suchte schon länger größere Räume für sein Programm und hatte zunächst an Lübecker Kirchen gedacht, doch die örtlichen Pfarrer waren offenbar nicht begeistert.
Bei der Kinokette, die wohl auch wegen des schwierigen Kinomarktes ständig auf der Suche nach neuen Ideen ist, fand er dagegen interessierte Projektpartner. Das Umweltforum Rhein-Main gewann man als dritten im Bunde für die Bioverpflegung, weil das Kino ohnehin eine gesunde Alternative zu Cola und Popcorn entwickeln will. Wenn das Projekt in Frankfurt gut läuft, plant die Kette, dasselbe in anderen Städten einzuführen, etwa in Hamburg oder in Berlin am Potsdamer Platz. Dort gebe es allerdings im Hochhaus von Sony bereits Ruheräume für die Mitarbeiter des in solchen Fragen sehr aufgeschlossenen japanischen Konzerns, hieß es - wie in einigen kleineren Frankfurter Unternehmen aus der Start-up-Zeit auch.

Vergleichsweise große und bequeme Sitze
Stefan Burger, der Theaterleiter des Metropolis, meinte, sein Kino sei in besonderer Weise für ein solches Pilotprojekt geeignet, aus dem ein richtiger Trend werden könnte. Das Metropolis hat nämlich, da relativ neu, vergleichsweise große und bequeme Sitze, von denen beim Mittagsschlaf nur jeder zweite besetzt werden soll, damit die Menschen sich nicht gegenseitig stören. Außerdem hat das Kino eine vergleichsweise gute Lautsprecheranlage, was dem Abspielen der beruhigenden Musik zugute komme. "Wenn Leute zwischendurch schnarchen, müssen wir nochmal gucken, was wir machen", meinte König.
Der Deutsche Gewerkschaftsbund hatte schon 1995 gefordert, jeder rastlos schaffende deutsche Arbeitnehmer solle ein Recht auf ein Nickerchen von fünf bis 15 Minuten Dauer am Mittag haben. Die Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände hatte damals reagiert, man sehe darin "kein dringendes Problem": Ob Arbeitnehmer in ihrer Pause in die Kantine gingen, einkauften oder schliefen, sei ganz ihnen überlassen. Einige Berufsgruppen praktizierten das Nickerchen ohnehin längst - Kraftfahrer etwa, die zwischendurch auf einem Rastplatz Pause machten, oder auch "Politiker im Bundestag".